Segen unterstützt

Immer wieder kommen Menschen an unsere Klosterpforte mit der Bitte, einen Gegenstand segnen zu lassen. Oft handelt es sich um ein Kreuz aus der Schmiede oder um eine kleine Devotionalie aus dem Klosterladen. Der Segen bedeutet auch heutigen Menschen viel. Auch wenn vieles an der Kirche derzeit altmodisch und verstaubt erscheint, „an Gottes Segen ist allen gelegen“. Das erinnert mich an die Verheißung Gottes an Abraham in Genesis (Gen 12,3f) „Ein Segen sollst du sein. Ich werde segnen, die dich segnen; ... Durch dich sollen alle Sippen der Erde Segen erlangen.“ Vielleicht wäre das eine der fundamentalen Weisungen Gottes an alle Glaubenden: Sie sind beauftragt, zum Segen
für andere zu werden.

Jeder kann segnen

Daher ist das Segnen jedermann und jederfrau möglich. Ich erinnere mich gut daran, dass meine Mutter uns immer ein Kreuz auf die Stirne zeichnete, wenn ich frühmorgens als Kind zusammen mit meinem Bruder zum Schulbus aufbrach. – Kein großer Akt, aber wichtig. Mit diesem Segen waren wir irgendwie „gottemfohlen“. Die Mutter war sich sicher, dass der Segen uns behüten würde und wir Kinder wurden vergewissert, dass wir - in einem „größeren“ aufgehoben - unsere Wege finden würden.

Was bedeutet es also zu segnen?

Das Wort Segen (althochdeutsch segan) kommt vom lateinischen Wort signum, was soviel wie Zeichen, Abzeichen, Kennzeichen und ab dem späten 2. Jahrhundert auch
Kreuzzeichen bedeutet. Es bezeichnet im Christentum ein Gebet verbunden mit einem
Gestus. Auf diese Weise wird Menschen oder Dingen die Gnade Gottes zugesprochen. Der christliche Begriff Segnen entspricht dem lateinischen Wort benedicere aus bene („gut“) und dicere („sagen“). Es meint also, von jemandem gut zu sprechen, jemanden zu loben. Dass unser Ordensvater den Namen „Benedictus“ trägt, also ein „Gesegneter“ ist, gibt der ganzen Ordensfamilie eine Prägung, selbst zum Segen zu werden.
Hier könnten die Skeptiker ansetzen – es stellt sich die Frage, ob Worte denn verändernde Kraft haben können, ob Worte ja vielleicht sogar Wirklichkeit oder gar Schicksal beeinflussen können. Die Sprachforschung hat zu diesem Zusammenhang in den 1950er Jahren den Begriff „Performativ“ entwickelt. Darunter versteht man eine „Sprachhandlung“. Das bedeutet, dass das Sprechen nicht nur eine Sache bezeichnet oder beschreibt, sondern dass das Sprechen vielmehr selbst eine Handlung wird, die Tatsachen hervorbringt. Im Augenblick des Sprechens wird die Aussage Wirklichkeit. „Sie sind hiermit zu …. verurteilt!“ in dem Moment, in dem der Richter das ausspricht, hat das Urteil Rechtskraft. Das Wort erzeugt also Realität. „Wir nennen unseren neugeborenen Sohn Johannes“ wäre dann auch ein Wort, das wirkt.

Worte können Wirklichkeit verändern

Ein weiteres Beispiel ist das „Ich liebe Dich!“ Wenn uns das zugesprochen wird, kann sich vieles verändern: bei Verliebten steigt der Blutdruck, der Körper sendet Glückshormone aus und im Strom der Liebe ist manchen Menschen etwas möglich, das sie sich vorher niemals zugetraut hätten. Worte können also Wirklichkeit verändern. Dabei ist die Wirksamkeit dieser realitätsschaffenden Worte allerdings an einen gemeinsamen kulturellen, sozialen oder geisteswissenschaftlichen Kontext gebunden. Die Aussage „Es werde Licht…“ ist zumindest im menschlichen Kontext kein zielführendes Performativ.

Die klassische Segensformel „Ich segne dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes“ verändert also nicht das Stück Eisen, aus dem ein Wandkreuz gemacht ist, aber dieses wird in den Kontext Gottes gesetzt und aus dem rein Materiellen in eine andere Wirklichkeit gehoben. Zum gesprochenen Wort gehört nun immer auch ein Gestus. Eben das Zeichen des Kreuzes oder das Besprengen mit Weihwasser. Die Kombination von Wort und Geste ist die Grundlage eines religiösen Rituals.

Es braucht Übung

Viele Menschen fühlen sich durch den Segen in ihrem Leben unterstützt, denn er spricht Hoffnung und Heilsein von Gott her zu. Obwohl wir das natürlich auch so wissen könnten, tun erinnernde Zeichen und Gesten gut. Es liegt nämlich in der Sache des Spirituellen, dass es nie so ganz manifest und handhabbar sein kann. Wie übrigens bei anderen zwischenmenschlichen Werten, braucht es Übung und Erinnerung, um diese immer wieder im Bewusstsein zu halten. Vertrauen zum Beispiel ist eine ständige Übung. Haltungen brauchen Zeichen und Akte der ständigen Vergegenwärtigung.

Das gilt auch für den Segen. Wird er noch von einem Fachmann gesprochen, so wird dem Ritual manchmal sogar nur deshalb geglaubt. Das legt jenem Fachmann eine große Verantwortung auf: Er stellt seine eigene Person in den Hintergrund und spricht im Namen eines anderen und größeren. Obwohl durch Wort und Gestus völlig einleuchtend ist, wer wirklich segnet – nämlich Gott allein – ist es für viele Menschen trotzdem wichtig, dass ein Priester die Dinge segnet.

Viele Menschen kommen nach wie vor an die Klosterpforte und bitten einen unserer Priester um den Segen für ihre Dinge, ihre Anliegen, für Fahrzeuge oder auch für sich selbst. Seien Sie herzlich willkommen!

Benedicere im Internet

Wir möchten aber auch die Chancen moderner Technik nutzen: Bei der Einrichtung unseres neuen Online-Shops www.abteiladen.de bieten wir an, dass die Bestellungen gesegnet werden. Der Segen wird durch ein kleines Zertifikat dokumentiert. Nicht immer haben die Priester in den immer größer werdenden Gemeinden Zeit und Raum für diese kleinen und wichtigen Gesten. Vielleicht ist es eine kleine Entlastung, wenn wir den kleinen – selbstverständlich kostenfreien – Dienst anbieten. „Da habt Ihr ja einen echten Marktvorteil vor Euren Mitbewerbern“ – war der Kommentar eines Bestellers. Ich kann ihm nur zustimmen. Wenn ich in die Abteischmiede komme und es liegen dort einige offene Pakete mit religiösen Gegenständen, dann gehört es neuerdings zu meinen Aufgaben, diese zu segnen und das Zertifikat zu unterschreiben. So wird an einem eigentlich profanen wirtschaftlichen Ort unseres Klosters gebetet. „Ora et Labora“ und „benedicere“ ist nicht umsonst eine der Maximen des Benediktinerordens.

P. Abraham Fischer OSB