Leben nach der Pandemie – die Kultur der Ehrfurcht

Ehrfurcht 23

Auch wenn es so wirken mag, die Corona-Zeit ist noch nicht vorbei. Zwar gehen alle relevanten Zahlen auf ein beruhigendes Maß nach unten, doch sollten wir uns nicht täuschen lassen, dass spätestens im Herbst die Zahlen wieder steigen werden.

Es macht also weiterhin Sinn, sich Gedanken zu machen, wie unsere Welt nach der Corona-Krise aussehen soll.

Zwar war die Gesellschaft bei der Gründung des ersten Benediktinerklosters auf dem Montecassino im vierten Jahrhundert nicht dadurch beeinträchtigt, dass ein Virus sein Unwesen trieb. Wohl aber musste man mit der Völkerwanderung zurecht kommen, was verständlicherweise zu einer gehörigen Verunsicherung und zu vielen Ängsten führte. Vielleicht ist daher diese damalige Zeit der unsrigen gar nicht so fremd.

Auf alle Fälle lohnt sich ein Blick in die Regel Benedikts, um einmal zu schauen, wie er sein Kloster als Gegenbild der verunsicherten Gesellschaft von damals aufbauen wollte.

Ich möchte in den nächsten Wochen einige Begriffe vorstellen, die meines Erachtens von Bedeutung für eine Zukunft nach der Pandemie sein können. Es sind alles Begriffe, die sich aus der Benediktsregel ableiten lassen.

In unserem Blog geht es neben den Berichten von Neuigkeiten aus unseren Betrieben und der Vorstellung neuer Produkte immer auch darum, Hilfe und Unterstützung zu einem wertvollen Leben zu geben. Benedikt hat diese Unterstützung auf seine Weise und in seiner Zeit in seiner Regel formuliert. Es ist daher ein guter Augenblick, vertieft in diese antike Schrift zu blicken.

Ehrfurcht

Spricht man einander an, so darf keiner den anderen mit dem bloßen Namen anreden, sondern die Älteren sollen die Jüngeren "Bruder" nennen, die Jüngeren aber die Älteren "nonnus", was soviel wie "ehrwürdiger Vater" heißt. Der Abt aber werde mit "Herr" und "Abt" angeredet, weil man im Glauben erkennt, dass er Christi Stelle vertritt. Das maßt er sich nicht selbst an, vielmehr geschieht dies aus Ehrfurcht und Liebe zu Christus.
RB 63, 10-13

Ehrfurcht ist ein altmodisch klingender Begriff, der uns längst nicht mehr geläufig ist. Er schmeckt schnell nach Angst, nach höfischem Gehabe und seltsamer Demut. Und doch ist dieser Begriff wichtig, kann er uns eine neue Sicht nicht nur auf unsere Mitmenschen, sondern ebenfalls auf diese Welt, auf uns und auf all das werfen, mit dem wir zu tun haben.

Für Benedikt ist der Begriff Ehrfurcht von großer Bedeutung. Im Grunde wird alles in seinem Kloster ehrfürchtig getan, alles strahlt eine Aura der Ehrfurcht aus. Wie die Brüder miteinander umgehen, wie man mit den Oberen spricht, wie man mit Dingen und Gegenständen hantiert und man könnte als Aktualisierung fortsetzen: Es geht auch darum, ehrfürchtig mit Tieren und Pflanzen umzugehen.

Was ist der Kern der Ehrfurcht?

Seine absolute Sinnspitze findet der Begriff “Ehrfurcht” in der Vorstellung Benedikts, dass wir im Anderen jeweils Christus begegnen. Die Präsenz und Gegenwart Gottes in meinem Gegenüber und mein daraus sich ergebendes Verhalten ist der Kern der Ehrfurcht.

Was bedeutet das für unsere Zukunft?

Intellektuell wissen wir alle, dass wir ein neues Verhältnis zu unserer Umwelt und zu unseren Mitmenschen brauchen. Spirituell kann das heißen, die Gegenwart Gottes in allem, was uns umgibt und zu dem wir uns beziehen, zu erkennen. Dafür aber müssen wir ein wenig davon wegkommen, Gott nur noch als Gegenüber und von uns getrennt zu begreifen. Gott ist wirklich in dieser Welt gegenwärtig und erfahrbar. Theologisch umfasst das der Begriff des Panentheismus, diese Zweiheit: Gott als derjenige, der der Welt gegenüber steht und der gleichzeitig in ihr auf geheimnisvolle Weise präsent ist.

Ich habe den Eindruck, dass wir das noch gar nicht erfasst haben, dass uns diese Art, die Welt zu betrachten, noch gar nicht bewusst ist.

Aus der Vorstellung, dass Gott in jedem Menschen, in jedem Tier, ja, in dieser Welt präsent und erfahrbar ist, ergibt sich eine eigene Würde von allem Lebendigem und symbolisch gesehen eine große Verneigung vor Pflanzen, Tieren und Menschen.

Gerade wird viel über Rassismus debattiert - in einem so verstandenen christlichen Verständnis des Menschen ist Rassismus undenkbar und unhaltbar.

Mehr Ehrfurcht voreinander und vor dem, was lebt, das könnte eine Spur in eine andere und bessere Zukunft sein.

Was meinen Sie?